Donnerstag, 29. Mai 2025

Laura Purcell: The Silent Companions


 
Weiter geht es in der Reihe meiner Horror-/Schauer-/Dunkelbücher, die ich seit einem Jahr lese.
Das letzte nun fertiggelesene Buch ist "The Silent Companions" von Laura Purcell, über das ich hier nun ein paar Worte verlieren möchte.

Ich denke, zuallererst sollte gesagt werden, wie großartig ich es finde, dass überhaupt noch Bücher mit dieser Art von Geschichten darin geschrieben werden. Dass der Bereich "Horror" (mir fällt kein besseres Label ein, wobei ich eigentlich das Wort "Horror" aus den nachfolgend angerissenen Gründen hasse.) wahrscheinlich von Beginn an mit Schrott überflutet war, ist nun keine neue Weisheit. Ich nehme es trotzdem (übrigens auch im Bereich "Fantasy", den ich deswegen schon komplett aufgegeben habe. Das wäre aber Material für einen ganz eigenen Text.) wahr, dass gerade in letzter Zeit viel Zeug auf dem Markt ist, das einfach nur als der letzte geistige Flachmüll bezeichnet werden muss. Dass teilweise die Menschen der Jetztzeit ziemlich dümmlich, oberflächlich und vorstellungslos sind, muss auch nicht extra erwähnt werden. Diese langweilige Geisteshaltung schlägt aber durchaus in den Büchermarkt und gerade in die Bereiche der (haha.) phantastischen Literatur (wozu ich "Horror" einfach mitzähle) durch. Kompletter Mangel an psychologischer Tiefe. Absolute Bankrotterklärung bei der Beschreibung wahren Schreckens. Plumper Exhibitionismus. Der hundertsiebendundachtzigtausendundeinte "Thriller", der von irgendeiner rotweintrinkenden Softwareexpertin berichtet, die plötzlich ihre Vorliebe für Sadomaso-Spielchen entdeckt, um dann deswegen, mittels Ebay-Kleinanzeigen wahrscheinlich, auf der Speisekarte eines gar schröcklichen Lustmörders auftaucht... etc. etc. ... Okay.

Doch nun zum Buch selbst:

 Was ich sehr an dem Buch mochte, ist diese unglaublich dichte, schwarze Beschreibung der Landschaft und Szenerie. Alles brütet quasi Bedrohung und Niedergang aus. Die Landschaft. Das Herrenhaus. Sogar das Örtchen darum, die Kirche mit dem Friedhof, auf dem so viele Kinder begraben liegen, bei denen man sich nicht mal mehr die Mühe gegeben hat, bei der Wahl der Vornamen Unterschiede zu machen...
Das sich durch das Buch und seine zwei bzw. eigentlich drei Erzählstränge ziehende Motiv der erzwungenen Stille bzw. des erzwungenen Schweigens. Da steckt für mich wahnsinnig viel an Stoff für Assoziationen und Botschaften zwischen den Zeilen drin.

Was das Lesen angeht, so hat das Buch sich für mich erst langsam in meine Leseroutine geschlichen. Es gibt Bücher, die starten auf so eine Weise, dass ich mich sofort wohl darin fühle und gut aufgehoben. Hier war das nicht der Fall und das Buch und ich sind erst nach vielleicht 30 Seiten langsam warm geworden. Das Dranbleiben hat sich aber gelohnt, wie ich finde.

Ein kleiner Schwachpunkt der Handlung ist, dass für meinen Geschmack manche Hintergründe, die durchaus vor allem zum Ende hin auch Stoff für zusätzlichen Schauer geboten hätten, eher ein bisschen plötzlich und geschwind in die Handlung hineingestellt werden und daher nicht ganz nachvollziehbar wirken.

Zusammengefasst: Ein düsteres Kleinod der Schauerliteratur. Kein Blutrausch, keine Klischees. Nur das Gefühl, dass etwas aus den Schatten sprechen kann, das dort nicht sein sollte.


- Anfauglith

Samstag, 24. Mai 2025

15 Minuten mit Geistern

 Wenn die Mittagszeit kommt, sitze ich manches Mal auf einer Bank und lese Gespenstergeschichten. Ich sitze dort wie ein dunkler Buddha unter einem schwarzen Baum. Umgeben von profanem Leben ist diese Viertelstunde zu Mittag für mich mehr als ein netter, kleiner Zeitvertreib. Es ist ein Ritual und ein Opfer, etwas, das einen Riss in den saubergeleckten Himmel treiben kann.

In diesen Geschichten begegnet mir, wenn ich sie mit offenem Geist lese, viel über Trauer, Erinnerung. Über eine Verachtung und einen Hass auf die blanken Fassaden und das einfach vergessen wollen und weitermachen wollen angesichts dessen, was nicht sein darf.

Mir sind teilweise die Schatten sympathischer – so surreal und verstörend sie auch sind, so fremd und schwierig –, weil sie echt sind. Die menschliche Seele ist Licht, und sie ist auch Schatten. Wenn wir uns nur auf den Schatten fokussieren, können Bosheit und Bitterkeit uns auffressen. Doch wird nur – und meiner Meinung nach ist dies das größere Problem – die lichte Seite anerkannt, dann wird das Licht zur Tyrannei, und das Gute zur Knechtschaft.

15 Minuten mit Geistern, das bedeutet für mich 15 Minuten in einem Schwellenland der Seele. Vielleicht braucht es diese Schwellenbereiche? Gänge auf Friedhöfen. Mitternachtsrituale bei Kerzenschein. Abendwind in gespenstischem Licht, der durch Bäume fährt. Gespenstergeschichten und Horrorfilme. Diese Grenzorte können zu inneren Ritualplätzen für uns werden, wo wir dem Unausgesprochenen und Unaussprechlichen begegnen können. Zu Momenten der Begegnung auch mit unserem Schatten und dem, was wir nicht über uns selbst wissen und nicht wissen wollen. Eine Art, Trauer, Tod, Vergessenheit, Erinnerung und unserem eigenen Schatten wieder Raum zu verschaffen.

Und so kann unter dem schwarzen Baum nicht nur Dunkelheit wohnen, sondern auch Heilung, Katharsis — vielleicht sogar ein stilles Aufleuchten.


- Anfauglith

Dienstag, 20. Mai 2025

Aara: En Ergô Einai

 Es ist ja guter Brauch, dass man zumindest alle Tage einmal etwas tun soll, was dem Schönen, Guten und so weiter dient, und am besten nicht den Säckel einer dritten Person füllt. Und daher tue ich das nun und schreibe über meinen Eindruck von En Ergô Einai der schweizer Schwarzmetaller von Aara.

En Ergô Einai ist griechisch und kann ein bisschen frei mit "Sein als Handeln/Tun" übersetzt werden. Gewisse Echos dieses Schlagworts finden sich für mich auch in weiteren Liedtiteln. Wieder einmal möchte ich auch hier den Texten keine Gewalt durch am Ende bemühte und übergestülpte Interpretationen antun. Ich persönlich denke, dass Texte dann am fruchtbarsten sind, wenn jeder Leser/Hörer sich darüber selbst Gedanken macht.
Für mich (und damit sei es dann wirklich dabei belassen) kommt immer wieder die Assoziation mit Themenkreisen wie Sein, Werden (Müssen) und Wandel auf.

"Ist der Fluss stets derselbe?
Treibt endlos fort,
unzählbar sind die Wellen,
gleich flüchtigen Momenten, Gedankenreigen.
Wie Zeit, die ewig und doch nie gewesen."

(Aargesang)


Musikalisch geboten wird ein Soundgewitter reinsten Wassers. Das ist einer der Punkte, die ich wirklich sehr, sehr an diesem Album mag: Man kann sich in diese dichte Wand aus Klang hineinfallen lassen, wie in ein endloses schwarzes Meer, um davonzutreiben und gänzlich darin unterzutauchen.
Harmonisch finde ich (ich mag mich täuschen) teilweise Anklänge an klassische Musik oder Musik des Barock, so eigenartig das jetzt vielleicht klingen mag... Alles in allem ist auch eine sehr große Variation in den Stücken gegeben, sodass es gewiss nicht langweilig wird.

Als ich das Album bekommen habe, dachte ich noch, dass ich wahrscheinlich nicht unglücklich bin, dass nicht nur Stücke von 9 Minuten plus darauf zu finden sind, da ich das Konzentrationsvermögen eines jahrelang koffeinabhängigen Eichhörnchens besitze. Nach einigem Durchhören muss ich aber gestehen, dass ich hier gerne auch noch ein paar Minuten länger in manchem Lied versunken wäre.

Zum Schluss weise ich noch auf die Instagram-Seite der Band hin, weil ich der Meinung bin, dass deren ästhethisches Konzept sehr spannend ist und durchaus auch Beachtung verdient.

Zusammengefasst bin ich sehr angetan und kann mir durchaus vorstellen, in Zukunft weitere Tonträger von Aara anschaffen zu wollen und diese ggf. hier zu besprechen.



- Anfauglith

Samstag, 17. Mai 2025

Neu in der Kammer: ...



 
Gestern in der Post gelegen: Aara: En Ergô Einai.
Eine genaue Besprechung erfolgt vielleicht später. Habe das Album aber bisher einmal durchgehört und empfinde diesen Zugang in der "Kammer" schon jetzt als sehr vielversprechend.

Ansonsten schreibe ich aktuell an einem Text über die Idee(n) von Freiheit. Mal sehen, wann (und ob) ich diesen fertigstellen werde.



- Anfauglith

Dienstag, 13. Mai 2025

Weiße Lilien

 Die folgende Geschichte ist in Gemeinschaftsarbeit mit einer weiteren Person spontan entstanden. Wir haben uns einen Tag damit die Zeit vertrieben, verschiedene Plots für Gespenstergeschichten auszudenken. Ich fand diese dann doch zumindest so gelungen, dass ich sie gerne teilen wollte. Mein Partner in Ghosts hat hierzu seine Einwilligung gegeben, weshalb ich nun eine oder vielleicht auch mehrere dieser Geschichten Schritt für Schritt hier teilen werde.

 

 

Weiße Lilien

Im Jahre 1978 erbte Hanna M., eine Frau in ihren Zwanzigern, die in Würzburg lebte, ein kleines Haus in einem ruhigen, beschaulichen Ort am Main. Das Haus hatte ihrem Onkel gehört, den sie nie kennengelernt hatte. Hannas Mutter, deren Bruder er war, hatte sich bereits früh von ihm entfremdet und besagter Onkel hatte ohne Kontakte auch zum restlichen Teil der Familie gelebt.
Das Haus, das im 19. Jahrhundert gebaut worden war, lag etwas abseits des Ortes, fast versteckt an einem Hang mit Weinbergen, den Main überblickend. Auf den Ersten Blick wirkte es unscheinbar. Hohe Fenster mit verstaubten Scheiben, eine kleine Straße die zum Haus führte.


Hanna hatte, als sie vom Erbe erfuhr und durch den Erbverwalter alle Details mitgeteilt bekommen hatte, keinen Augenblick daran gedacht, selbst in das Haus zu ziehen. Viel zu abseits gelegen war ihr der Ort. Auch hätte sie im Hinblick auf ihre Berufstätigkeit in Würzburg täglich ein beachtliche Strecke mit dem Auto fahren müssen. So stand der Entschluss, das Haus zu verkaufen, schon während des Gesprächs mit dem Testamentsvollstrecker für sie fest.
Dennoch wollte Hanna selbst in den Ort fahren, um sich ein Bild vom Haus und der Umgebung zu machen, einige Fotos des Hauses zu schießen und schließlich alles einem Makler anvertrauen.

Es war ein Wochenende im September, als Hanna sich auf den Weg in den kleinen Ort machte. Da sie den Weg nicht genau kannte, fragte sie beim Einkaufen einiger Notwendigkeiten für die nächsten Tage im Dorfladen den Ladenbesitzer nach dem Weg. Dieser gab ihr die Notwendige Auskunft, erschien der jungen Frau jedoch ausweichend bei weiteren Fragen zum Haus. Die Leute aus dem Ort würden just die Ecke, in der das Haus stünde, nicht oft aufsuchen. Es gäbe dort nichts großartiges. Außerdem sei der Platz auf eine seltsame Weise still.
Hanna runzelte die Stirn und fragte nach, was der Ladenbesitzer denn damit meine. Dieser stammelte ein wenig herum, bevor er rätselhaft erwiderte: "Nun, es gibt eben still und still. Es gibt eine gute Stille, in der man nach getaner Arbeit zur Ruhe findet. Und es gibt eine Stille, die etwas Beklemmendes oder Unnatürliches an sich hat." Anschließend fügte er noch eine Frage hinzu: "Sagen Sie, aber das Haus ist doch noch bewohnt, oder?"


Hanna erreichte das Haus gegen Abend. Viel blieb ihr nicht zu tun. Sie richtete sich kurz in einem Zimmer im ersten Stockwerk des Hauses ein, ging einmal kurz um das Haus, nahm eine Dusche und beschloss, bald zu Bett zu gehen.

In dieser Nacht fiel es ihr schwer, zu schlafen. Das Haus schien gekennzeichnet von einer eigenartigen Form der Stille. Nicht die Stille, die normalerweise abgelegenere Orte kennzeichnet. Nicht die Stille eines alten, verlassenen Hauses. Es war mehr ein Übermaß an Stille. Kein Knarzen des Hauses, kein Rütteln des Windes an den Fenstern. Es erschien ihr mehr, als hielte das Haus und die Umgebung den Atem an. Als würde der Ort warten.

Der Morgen kam, und Hanna stand aus ihrem Bett auf. Müdigkeit hing ihr bleiern in den Knochen Sie zog sich an, richtete ihr Haar, betrachtete sich im Spiegel, dann verließ sie ihr Zimmer, um im Erdgeschoss in der Küche ihr Frühstück herzurichten. Am Beginn der Treppen nach unten, warf sie einen flüchtigen Blick in Richtung der Tür, die zu einem Raum neben dem führte, in dem sie Quartier genommen hatte. Es erschien ihr eigenartig, dass sie bisher scheinbar kaum Notiz von der Tür und dem dahinter befindlichen Raum genommen hatte. Hanna nahm sich vor, das Zimmer im Laufe des Tages zu erkunden.

Als sie im Erdgeschoss angekommen war und von der Treppe in Richtung Küche gelaufen war, erschrak Hanna. Auf dem Küchentisch standen Teller und Tassen und Schalen, Servietten, ordentlich und penibel gefaltet, gedeckt für zwei. In der Mitte des Küchentischs stand eine große, weiße Vase mit frischen Blumen. Aber keine fröhlichen, bunten Blumen oder frisch gepflückte Wildblumen, nein, in der Vase stand ein Strauß weißer Lilien. Ernst und streng wirkten sie, so unpassend. Der ganze Raum erschien in blasses Licht getaucht und der Geruch der Lilien drang betäubend in Hannas Nase.
Sie verlor die Fassung, rannte aus der Küche, stieg in ihr Auto und fuhr schnellstmöglich in den Ort. Dort verbrachte sie einige Stunden mit einem Spaziergang, nahm ein kleines Mittagessen in einem Gasthaus zu sich und telefonierte mit einem Freund in Würzburg, solange, bis sich die junge Frau selbst überzeugt hatte, dass alles möglicherweise nicht so gewesen war, wie sie es gesehen hatte und sie vielleicht in der Hektik des gestrigen Abends aus Routine den Tisch selbst gedeckt hatte. Aber die weißen Lilien... Sie verdrängte den Gedanken.

Gegen Abend kehrte sie zurück in das Haus. Auch der Gedanke, dass für den morgigen Tag ohnehin ihre Abreise geplant war, half ihr, die Unruhe und Beklemmung zurückzudrängen, die ihr beim Eintreten in das in abendlichem Halbdunkel liegende Haus entgegen drangen. Sie dachte wieder an den Raum, der neben ihrem Schlafzimmer im ersten Stock lag. Nun würde sie diesen erkunden.
Zuerst zögernd, dann entschlossener stieg sie die Treppen wieder nach oben, ging nach links bis sie vor der Tür des Raumes stand.
Eine seltsame Abneigung überkam sie, ohne dass Hanna hätte sagen können, woher und welche Ursache diese hatte. Nach kurzer Zeit des Verharrens zwang sie sich, die Tür zu öffnen und betrat den Raum.
Dieser erschien ihr seltsam unberührt. Ein Bett, sauber gemacht. Die Vorhänge vor die Fenster gezogen. An der linken Wand des Raumes, gegenüber des Betts stand ein Kleiderschrank, halbgeöffnet - Nur ein ein paar Kleiderbügel darin, leicht schwingend, als hätte soeben jemand den Raum verlassen.
Sie schloss die Tür und verließ den Raum. Frösteln überkam sie. Um sie herum nur wieder das Haus in seiner sonderbaren Stille.


In der Nacht erwachte Hanna von Geräuschen, wie von knarrenden Dielen. Einen Moment lag sie still da, lauschte. Wieder das Knarren, gefolgt von einem Geräusch, als würde ein Stuhl verrückt. Es schien ihr, als wollte ihr das Blut in den Adern gefrieren: Schritte. Schritte im Nebenzimmer.
Unbeweglich lag sie in ihrem Bett, lauschte in das nächtliche Haus hinein. Stille. Dann wieder die Schritte. Vorsichtig. Fast behutsam. Eine Tür knarrte, es war die Tür des Nebenzimmers...
Hannas Herz klopfte wie wild. Die Schritte bewegten sich in Richtung ihres Zimmers, gemessen, vorsichtig, als wollte etwas sie nicht wecken. Vor der Türe blieben sie stehen. Ein kurzer Moment Ruhe, bevor sich, prüfend und tastend, die Türklinke der Zimmertüre bewegte. Einmal, zweimal. Noch ein drittes Mal...
Hanna, ergriffen von einer Mischung aus Schrecken und Wut, sprang aus ihrem Bett und rannte zur Türe ihres Zimmers und riss diese auf. Sie wollte nun wissen, wer oder was es war, das in diesem Haus war...!

Nichts. Der Gang war leer. Keine Spur von irgendjemandem. Nur wieder das lauschende, wartende Schweigen des Hauses.

Hanna verließ das Haus noch in dieser Stunde und kam nie zurück. Auch hat sie es nie verkauft. Es stand weiter dort, zwischen den Weinbergen, während es langsam verfiel.

Hanna lebte weiter ihr Leben wie es eben war. Und manchmal war sie kurz davor, das Haus und ihre Erlebnisse dort zu vergessen. Jedoch, immer dann, wenn all das dabei war, aus ihrem Gedächtnis zu entschwinden, hatte sie einen Traum: Sie stand in einem altmodischen Zimmer, getaucht in blasses Licht. Auf dem Tisch eine Vase weißer Lilien. Und die Szenerie gehüllt in ein gespenstisches Schweigen.

 

 

- Anfauglith (u. Kompagnon)

Samstag, 10. Mai 2025

Eïs: Bannstein

 



Einer meiner letzten Musikkäufe, und durchaus ein ziemliches Highlight. Und das sage ich als jemand, der sich quer durch viele Musikstile hört, und immer wieder feststellen muss: es gibt wahnsinnig viel Schrott, Einfallslosigkeit, Banalität und Langeweile wo auch immer Musik gemacht wird.

Nun, dieses Werk der Schwarzmetaller Eïs (vormals Geïst, haben sich nach meinen Informationen wegen  eines drohenden Rechtsstreits mit einer Kölner Indie-Band fast gleichen Namens schon länger umbenannt/umbenennen müssen. Ganz ehrlich? Eine "Indie-Band", die mit dem Anwalt droht? Ich bin begeistert. Ehrlich.) kommt absolut nicht aus diesem Sumpf aus Mittelmaß und Stumpfsinn.

Mich hat "Bannstein" geradezu tief innerlich bewegt. Was ich an dem Album liebe, ist diese gnadenlose, wilde Wand aus Klang, Harmonien, die beinahe sakralen Anklänge der Riffs (darf man das so sagen?) und, ganz wichtig, die Vocals. Gerade im Bereich Black Metal ist es bei mir oft so, dass, sobald Gesang zu hören ist, ich einen Haken unter die Sache mache und innerlich "schleeecht! laaaaaangweilig!" rufe. Ja, auch keifen will gelernt sein. Und z. B. den Gesang einfach mit Effekten überladen, weil man es scheinbar nicht kann? Hm, ob das die Lösung ist?

Ganz anders hier: die Vocals sind böse und knochentrocken, und die Stimme zu Eïs hat einfach einen eigenen Charakter. Ich denke, es ist in diesem Genre nicht anders als in musikalischen Bereichen, in denen man Klargesang verwendet: es gibt viele Leute, die können vielleicht singen, mehr oder minder gut oder leidlich, aber eine richtige Stimme, das ist selten.
Jedenfalls: Ein weiterer grüner Haken wird hier durch den Gesang auf "Bannstein" bei mir als Hörer gesetzt.

Schlussendlich: die Texte.
Ich könnte mich als Wortenthusiast wahrscheinlich seitenlang über den Stellenwert von Texten, und wie dieser regelmäßig zu gering angesetzt wird, ausbreiten. Was bringt mir die beste Musik, wenn die Worte eigentlich nur ein bedauernswerter Haufen halbfertiger Ideen ist, lauwarmes Geschreibe, das mich innerlich nicht berührt, provoziert, nichts transportieren kann? Eine solche Musik ist in meinen Augen hirntot. Gut anzuhören, aber es fehlt das Wesen und die Substanz.

Glücklicherweise ist dies bei Bannstein überhaupt nicht der Fall. Zwar wäre es vielleicht durchaus mit persönlichem Gewinn verbunden, sich hier auch mit Fragen durch Alboins Textwelt zu analysieren. Aber es ist aus meiner Sicht unstrittig festzustellen, dass hier jemand eine Idee und eine Vision verfolgt. Und dies würde ich nun zum Abschluss für alle drei von mir durchgegangenen Bereiche: Klang, Text und Stimme (die eben der Vision Ausdruck verleihen muss) feststellen.

Bannstein ist sicherlich eines der Alben, die mich durch die letzten, oft auch sehr merkwürdigen, Zeiten begleitet haben. Und ich bin darüber froh.

Alle Sonnen werden wieder sich erheben /
Aufrecht aus dem Schosz der welken Blätter.

 

 

 

- Anfauglith

Freitag, 9. Mai 2025

1899

 In Seriengewittern. Oder so. Nachdem ich in letzter Zeit einige teilweise ziemlich gute Serien im Bereich Thriller, Horror, wie auch immer, gesehen hatte (das letzte Machwerk, das mir, anders als scheinbar einigen Betrachtern, ganz gut gefallen hatte, war "Die Glaskuppel"), war ich ermutigt, weiter in diesem Bereich zu forschen und zu wildern, denn "was kostet die Welt", und dazu ist Urlaub auch mal da.

So stolperte ich über 1899. 1899 scheint von den oder dem Machern von Dark zu stammen. Mehr Hintergrund dazu mag der Leser selbst recherchieren, da ich es nicht als meine Aufgabe verstehe, journalistische Informationen zu liefern, sondern eher meine Gedanken als die eines eventuell mit ein bisschen Vorerfahrungen geschädigten Zuschauers zu teilen.

So, was machen wir nun aus diesem 1899?
1899 liefert optisch einiges. Was mir sehr gefallen hat, ist diese seltsam-düstere Seeästhetik. Das schwarze, verlassene Schiff: Die Prometheus. Nebel. Dieses endlose, finstere Meer. Das ist für mich Stoff, aus dem grandiose Alpträume sind oder sein könnten. Bei mir als Zuschauer steigen Hoffnungen, etwas von The Fog geliefert zu bekommen. Oder einen Anklang an z. B. Seegeschichten des William Hope Hodgson. Etwas in mir hofft auf den Ruf: "Dieses Schiff braucht Blut...!".

Nun, zumindest was das angeht, wurde ich enttäuscht. Es wimmelt von schlechtgelaunten und unsympathsichen Charakteren, die allesamt von einer Art Dauerkater nach dem schlimmsten Matrosenfusel betroffen zu sein scheinen. Zusätzlich setzt sich bei mir der Eindruck fest, dass auf ungut-penetrante Weise das Thema Sexualität und Dominanz ein wichtiger Baustein vielleicht nicht der Handlung, aber des Settings, ist.

Ansonsten kommt es mir stellenweise vor, als hätte der Autor irgendwie eine Art Fortsetzung von Dark auf See gedreht. Es erscheint wieder eine Fülle rätselhafter Symbole und surrealistischer Schrecken, die auf die Figuren lauern. Mein Eindruck ist (und das ist auf so eine Weise ziemlich cool.), als wäre der Macher besessen davon, etwas zu sagen, was in Worten überhaupt nicht zu sagen ist. Eine unverständliche Metapher, die etwas andeutet, was noch viel unverständlicher und grauenvoller ist. Das Thema (Symbole. Eingänge. Morbide Katerstimmung.) scheint diesen Menschen auch nach Dark noch zu beschäftigen. Was mich an eine Zeile aus einem Lieder der Legendary Pink Dots denken lässt: "Tried polite conversation in Braille.". Aber die Menschen verstehen kein Braille. Aber nochmal: ansich wahnsinnig cool.

Ich würde 1899 gerne einfach abbrechen, um dieser apokalyptischen Katerstimmung zu entgehen, und stattdessen etwas anderes anschauen. Allein, so leicht ist es nicht. Meine Seele wird scheinbar eingesogen von dieser Schwarzalchemie auf Fusel.

Sie erwarten jetzt ein Urteil von mir? Bedaure, ich muss es verweigern.


- Anfauglith