Dienstag, 27. Januar 2026

Wo der Mensch zerbricht

 Die Alten glaubten, dass jeder Ort und jedes Haus von speziellen Geistern, Wichten und Wesen bewohnt war. Diese waren die Seele des Ortes. Seine Wächter. Die, die schon immer da waren. Man war gut beraten, sich mit diesen Geistern gutzustellen, damit man selbst ein friedliches Leben am Ort haben konnte und nicht den Zorn seiner Geister auf sich zu ziehen.

Es gibt Orte, die irgendwann an der Schwelle zur Vergangenheit stehen. Das brachte mich dazu, dann und wann über die Geister diesese Ortes nachzudenken. Von welcher Art diese Zeit hier gewesen ist.

Ich erinnere mich an Türenschlagen, Gram, Kummer. An übles Reden. An lange Nächte im Herbst und Winter. Dazwischen Sonnenaufgang, droben über dem Wald. Abschied, Krankheit, Verlust, sogar Tod.
Die Wichte schwiegen dazu. Ihnen war's gleich. Sie störten mich nicht in meinem Dasein. All das Übel kam vom Menschen her. All die Last. Die Beleidigung. Der Frevel. Gleichgültig schienen die Geister des Ortes. Sie schwiegen, während der Mensch ganze Welten zu Scherben zertrat. Deckten alles in ihr Schweigen, das groß und sanft war, wie der Wald im Winter, unter einer Schneedecke, beträufelt von Sonnenglanz.


- Anfauglith

Freitag, 9. Januar 2026

Der Einsiedler

 

Im Waldesdunkel und auf hohem Kamm,
in Gruft, Ruine oder Höhle will er hausen,
an scharfen Wänden einer finst'ren Klamm,
auf Felsenfeldern, wo die Winde sausen.

Er trinkt des schwarzen Mondes brodelnde Essenz,
er saugt das Dunkel ein wie Pflanzensäfte,
er blickt zum Tal, verachtend alle Dekadenz,
scheinbar getrieben nur durch Glut und höh're Kräfte.

Und manchmal doch besinnt er sich der Jugendtage
als Tat und Leichtsinn fröhlich sich verband,
als fern gewesen Dunkelheit und Zorn und Plage,
in jenem längst zerbroch'nen Sonnenland.

Das Tannendicht und Felsenmeer sind ihm nun Leben,
der Wölfe Sturmgeheul ist ihm nun edler Wein;
gehüllt in Nacht, Natur, Gewitterbeben,
unendlich weit entrückt dem fernen Menschensein.

 

- Anfauglith 

Montag, 5. Januar 2026

Ieschure: The Shadow


Künstler: Ieschure
Titel: The Shadow
Format: CD
Label: Misantropia Records
Jahr der Veröffentlichung: 2024 (Re-Release, Erstveröffentlichung 1. Dezember 2017) 
Genre: Black Metal
Empfohlenes Hörsetting: Ungestört in der Dunkelheit
Links: Ieschure @ Bandcamp


Draußen liegt Schnee und es ist still. Sehr still. Ein ideales Setting, eine Review zu Ieschures The Shadow zu schreiben. Zu meiner großen Schande musste ich erkennen, dass die Aufnahmen darauf bereits an die 10 Jahre alt sind. Ein wenig hatte ich überlegt, nun hier dafür Abbitte zu leisten, dieses Album so lange einfach verpasst zu haben. Aber da ich hier sitze und die Review schreibe, erscheint es mir hingegen eher wie gewollt von einem mysteriösen, fremden, dunklen Schicksale.

The Shadow war für mich eine Zufallsentdeckung. In irgendeiner Playlist stieß ich auf "Mystic Schizophrenia" und war von dieser Rohheit und Dunkelheit, diesem glimmenden Hass, der aus der Musik dringt, unglaublich begeistert. Um es klarzustellen: ein Hass, der scharf ist wie das Messer, das man dem alten, bösen Feind in die triefenden Innereien hineinstößt, nach langer Kerkerhaft, um frei zu sein. Man verzeihe den Pathos.
Mir war nach kurzer Zeit klar, dass ich das entsprechende Album haben musste, und nach einigen Durchhörern am Stück wiederum war mir klar, dass ich darüber etwas schreiben musste.

Sowohl die Musik als auch die Texte haben das geschafft, was in einer Welt des Überangebots an Musik und anderen Eindrücken wirklich nicht oft gelingt, nämlich, dass bestimmte Türen in meinem Inneren aufgehen, dass ich das Gefühl hatte, dass dort zwischen den Tönen und Worten etwas passiert, und das meine Sprache gesprochen wird und vieles heimkehren darf. Ich denke, ich kann schon jetzt sagen, dass The Shadow eins der Alben für 2026 bei mir sein wird. 10 Jahre zu spät, wie gesagt, für mich jedoch eine Begegnung zur gerade rechten Zeit.

Nach so viel persönlichen Ergießungen nun zu den Basics des Werks: Geboten wird schnörkelloser Black Metal im alten Stil, kein Post- oder unnötig Ambiente. Raue, knochentrockene Schwarzmetallmühle mit Keifgesang aus den Abgründen der Nacht, ab und zu auch Klargesang, sehr bewusst eingesetzt, dieser, und wirklich stimmig. Beides dargeboten von Lilita Arndt, der Frau hinter dem Projekt.

Textlich ordnet mancher Reviewer es unter "Occult" ein, ich bin da aber nicht ganz sicher. Ich finde in Lilita Arndts Texten eine sonderbare und brutale Melancholie wieder und einen sehr majestätischen Schatten. Teilweise scheint mir das Englisch zwar nicht ganz korrekt zu sein, aber das tut dem Gesamtwerk keinen Abbruch und es ist mir auf eine Art tausendmal lieber, als blankpoliertes Übersetzerisch. 
Überhaupt, da wir beim Stichwort sind, blankpoliert ist hier so ziemlich nichts, das Album ist direkt, rätselhaft, brutal und unglaublich schön und wird mir noch lange nachgehen.


She’s coming with the dark
She’s coming with the sun,
She’s waiting at the Gates of Disillusion.

Oh my name is swept away from this world.
I am dying,
I’m falling down,
I’m giving up
I am fading away 

(Ieschure: Condemned To Death)


- Anfauglith

Donnerstag, 1. Januar 2026

Craig Russell: The Devil Aspect

 


The Devil Aspect wurde mir empfohlen, als ich im Gespräch die Suche nach einem Buch erwähnte, das die mysteriöse und leicht bedrohliche Atmosphäre von Club Dumas (bzw. der Verfilmung als Die Neun Pforten) und vielleicht einen Hauch des Schreckens des Films Malastrana von 1971 (Jürgen Drews mit kurzem Camo-Auftritt als Straßenmusiker... wobei das nicht der Schrecken ist, von dem ich rede. Das wäre aber eine eigene Review wert.) besitzt.
Nun habe ich es pünktlich zum Ende des Jahres ausgelesen und hier wäre nun mein Verdikt.

The Devil Aspect ist definitiv kein schlechtes Buch und ich muss gestehen, dass es Phasen gab, wo ich es nicht erwarten konnte, weiterzulesen. Die Geschichte ist handwerklich nicht schlecht gemacht und mir hat das Setting der Tschechoslowakei von 1936 recht gut gefallen.

Nun sind wir aber bei den Punkten, die dazu geführt haben, dass ich abschließend feststellen muss, dass das Buch meine Erwartungen nicht erfüllen konnte und mich widersinnigerweise sogar enttäuscht hat.

Während Russell ein gutes Grundthema, nämlich die Frage des Wesens und der Herkunft des Bösen, hat, aus dem man viel Spannung und Tiefgang ziehen könnte, verzettelt sich der Autor meiner Meinung nach in zu vielen Ideen, die einzeln ausgearbeitet gut funktionieren könnten, zusammen aber leider nur Fragezeichen hinterlassen.

Was genau soll die Fixierung auf die slawische Mythologie und deren vermeintlich dunklen Charakter? Wieso wird der Kriminalfall um Jack the Ripper in die Geschichte hineinbemüht? Warum tritt der Höllenfürst/Personifikation des Bösen/Was auch immer als "Mr. Hobbs" auf? (Ich habe sogar die Suchmaschine bemüht, ob sich dahinter eine Anspielung verbirgt. Konnte aber nichts ausfindig machen)
Abschnittsweise hatte ich fast den Eindruck, Russell hätte sich ein wenig durch die Geschichte durchassoziiert oder manche Sache wie den "Ripper" und die slawischen Götter eher ein bisschen als Material für Namedropping verwendet.

Die teilweise in Besprechungen verwendete Bezeichnung als "Gothic Novel" wegen des Burgpsychiatriesettings kann ich so auch nicht teilen. Diese Verwendung des (wissenschaftlich meiner Kenntnis nach eher fragwürdigen) Konzepts von "gespaltenen Persönlichkeiten", Zitate von Jung, Freud & Co. wirkten auf mich manchmal bemüht, so wie manches kleine historische Detail in der Story auf mich eher erfunden wirkte bzw. eben einfach auch tatsächlich geschichtlich falsch ist.

Was mich jedoch fast amüsiert, ist, wie sich das Böse (TM) in der Geschichte komischerweise fast niedlich im Serienkiller und Bluttäter abreagiert, während, was der Autor teilweise (weil ihm wahrscheinlich die Ironie auch selbst bewusst war) auch in Dialogen einbaut, am geschichtlichen Horizont da schon ein Böses aufzieht, welches Jack the Ripper und medienwirksame Schlächter aus diversen True-Crime-Podcasts beinahe niedlich erscheinen lässt.

Nun denn, mein Fazit ist, dass es sich bei dem Buch um trotz aller Kritik um ganz ordentliche Unterhaltungsliteratur handelt, die fesseln kann, aber nicht muss.





- Anfauglith

Dienstag, 30. Dezember 2025

Rückschau auf 2025

 
 


Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu. Für mich ist das immer schon ein Anlass zur Rückschau gewesen. Und so nehme ich denn den Leser mit in meine persönliche Rückschau auf das Jahr. Auf Bücher, Musik und auf Erlebtes, die alle, ganz gleich, was 2026 bringen mag, bereits ihr Werk getan haben. Die Zukunft ist unsicher und die Vergangenheit unabänderbar. Es bleibt nur die Gegenwart.

Bücher

Ein oder vielleicht das Buch, das bei mir in 2025 besondere Spuren hinterlassen hat, ist Between Two Fires von Christopher Buehlmann. Ich habe bereits vor einiger Zeit beschlossen, dass das Fantasygenre für mich abgeschlossen ist. Es bleiben die Klassiker. Alles, was dann ab einem bestimmten Jahr zu kommen scheint, erschließt sich mir nicht mehr. Was mir bleibt an Fantastischem, ist Horror und Schauer. 
Between Two Fires hat sich für mich in einer Zwischenwelt bewegt. Das Buch wirkt jenseits von Nutzliteratur, die irgendeinen Zweck haben soll, unterhalten, verstören, etc. 
Beinahe hat das Buch für mich eine Art spirituellen Effekt gehabt. Ich kann es schlecht beschreiben.


"Now in These days the Lord God had turned His face from the Business of men; …"


Musik

Mir fällt es leichter, die Alben zu benennen, die dieses Jahr für mich wichtig waren. Nicht im Sinne einer Topliste, sondern die es, und sei es vermeintlich nur durch so eine bestimmte Eigenart, geschafft haben, mit einer gewissen Tiefe zu mir zu sprechen.
Zu nennen wären hier:

Eïs: Bannstein
Aara: En Ergô Einai
Konfession: Wenn die Schatten rufen


Darüber hinaus gab es natürlich noch weitere Musik, die es wert war, darüber zu schreiben oder sie einfach nur anzuhören und wertzuschätzen.

Symbole

Es gibt auch ein paar Symbole, die für mich (neu) Sinn bekommen haben. Zu erwähnen wären beispielsweise der Hammer Thors (als Kraftsymbol, nicht direkt als Zeichen der nordischen Religion und noch viel weniger von völkischer Grütze jeder Schattierung...) oder z. B. eine kleine Walküren-Figurine, die es in meinen Symbolschatz geschafft hat.
Allgemein habe ich im 2025 sehr viel an Symbolen kuratiert zum Ziele, meiner eigenen Seelenlandschaft Ausdruck zu verleihen. Das ist etwas, das mir sehr viel gegeben hat und mir sehr wichtig war und ist.

Schatten

2025 hielt für mich einige Momente bereit, die eigentlich kein Mensch erleben sollte und die dennoch passiert sind. Grenzmomente. An eben der Grenze zwischen zwei Jahren hoffe ich, dass das nächste Jahr freundlicher wird.


Kreativ

Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre gewesen, hier ein oder mehrere Interviews mit Künstlern, die ich interessant finde, zustande zu bekommen. Das wird jetzt leider aus verschiedenen Gründen im alten Jahr nicht mehr passieren. Aber wer weiß, was 2026 bringt. 


Letzte Zugänge in der "Kammer":

Kate Heartfield: The Chatelaine
Alexander Pechmann: Die zehnte Muse

Ieschure: The Shadow





Musik während dieses Beitrages:

Hymnambulae: Nausikaa



Guten und sicheren Übergang nach 2026!


- Anfauglith

Freitag, 19. Dezember 2025

Filmeabend - Dracula: A Love Tale

 Dracula: A Love Tale im Spätfilm des örtlichen Kinos. Die Erwartungen waren einigermaßen hoch, wobei ich im Nachhinein ehrlich gesagt keine vernünftigen Gründe dafür anführen könnte.

Der Film. Zur Hintergrundgeschichte möchte ich nicht so viel schreiben, da die Story mit kleinen Abweichungen im Grunde ja bekannt ist. Dracula: A Love Tale (oder im Deutschen ca. genauso nichtssagend: Dracula - Die Auferstehung). Der Film beginnt mit einem beeindruckenden Auftakt, bildgewaltig und überzeugend eingeführt durch die schauspielerische Leistung von besonders Caleb Landry Jones als Vlad Tepes/Dracula. Auch Christoph Waltz' erster Auftritt als verschrobener Priester verspricht viel.

Leider lässt der Film nach der glorreichen Overtüre ziemlich schnell nach. Mir schien es, als hätte man sich nicht entscheiden können zwischen Action, düsterer Liebesgeschichte und Klamauk/Disney. Heraus kommt dann nichts von allen dreien, sondern eine aus meiner Sicht leider recht substanz- und farblose Mischung, die nur durch die schon angedeutete Schauspielpräsenz von sowohl Waltz als auch Jones irgendwie über die Zeit getragen werden kann. Gut, die untote Version von Dracula sieht im Gegensatz zu der Zombie-Version des Ungarn aus einer Rotweinwerbung der 90er in Nosferatu - Der Untote wirklich gut und unheimlich aus. Mehr kann und möchte ich zu diesem Film nicht sagen.

Spät nachts verlasse ich das Kino. Leichter Eisregen. Wenigstens etwas kalt und grimmig. Ob das ein Omen für bessere Horrorfilme in 2026 sein kann?

Montag, 8. Dezember 2025

Apokalypse

 

In kahlen Wipfeln starren Raben

Der Mond verhüllt sein blasses Angesicht

Die Städte leer wie rus'ge Bienenwaben

Die Landschaft siech, getaucht in blutigrotes Licht.

 

Die Meere woll'n sich wider Land erheben

Die Berge stürzen sich hinab auf weites Land

Die Eb'nen kalt und kahl und ohne Leben

Ein Nebel reckt gen Himmel seine fahle Hand

 

Die kühle Majestät der scharfen Sterne

Krönt diademengleich das Ende dieser Zeit

Ein dumpfer Ton ertönt in allerfernster Ferne

Zu dem ein schwarzer Staub herniederschneit.


 

- Anfauglith