Dienstag, 13. Mai 2025

Weiße Lilien

 Die folgende Geschichte ist in Gemeinschaftsarbeit mit einer weiteren Person spontan entstanden. Wir haben uns einen Tag damit die Zeit vertrieben, verschiedene Plots für Gespenstergeschichten auszudenken. Ich fand diese dann doch zumindest so gelungen, dass ich sie gerne teilen wollte. Mein Partner in Ghosts hat hierzu seine Einwilligung gegeben, weshalb ich nun eine oder vielleicht auch mehrere dieser Geschichten Schritt für Schritt hier teilen werde.

 

 

Weiße Lilien

Im Jahre 1978 erbte Hanna M., eine Frau in ihren Zwanzigern, die in Würzburg lebte, ein kleines Haus in einem ruhigen, beschaulichen Ort am Main. Das Haus hatte ihrem Onkel gehört, den sie nie kennengelernt hatte. Hannas Mutter, deren Bruder er war, hatte sich bereits früh von ihm entfremdet und besagter Onkel hatte ohne Kontakte auch zum restlichen Teil der Familie gelebt.
Das Haus, das im 19. Jahrhundert gebaut worden war, lag etwas abseits des Ortes, fast versteckt an einem Hang mit Weinbergen, den Main überblickend. Auf den Ersten Blick wirkte es unscheinbar. Hohe Fenster mit verstaubten Scheiben, eine kleine Straße die zum Haus führte.


Hanna hatte, als sie vom Erbe erfuhr und durch den Erbverwalter alle Details mitgeteilt bekommen hatte, keinen Augenblick daran gedacht, selbst in das Haus zu ziehen. Viel zu abseits gelegen war ihr der Ort. Auch hätte sie im Hinblick auf ihre Berufstätigkeit in Würzburg täglich ein beachtliche Strecke mit dem Auto fahren müssen. So stand der Entschluss, das Haus zu verkaufen, schon während des Gesprächs mit dem Testamentsvollstrecker für sie fest.
Dennoch wollte Hanna selbst in den Ort fahren, um sich ein Bild vom Haus und der Umgebung zu machen, einige Fotos des Hauses zu schießen und schließlich alles einem Makler anvertrauen.

Es war ein Wochenende im September, als Hanna sich auf den Weg in den kleinen Ort machte. Da sie den Weg nicht genau kannte, fragte sie beim Einkaufen einiger Notwendigkeiten für die nächsten Tage im Dorfladen den Ladenbesitzer nach dem Weg. Dieser gab ihr die Notwendige Auskunft, erschien der jungen Frau jedoch ausweichend bei weiteren Fragen zum Haus. Die Leute aus dem Ort würden just die Ecke, in der das Haus stünde, nicht oft aufsuchen. Es gäbe dort nichts großartiges. Außerdem sei der Platz auf eine seltsame Weise still.
Hanna runzelte die Stirn und fragte nach, was der Ladenbesitzer denn damit meine. Dieser stammelte ein wenig herum, bevor er rätselhaft erwiderte: "Nun, es gibt eben still und still. Es gibt eine gute Stille, in der man nach getaner Arbeit zur Ruhe findet. Und es gibt eine Stille, die etwas Beklemmendes oder Unnatürliches an sich hat." Anschließend fügte er noch eine Frage hinzu: "Sagen Sie, aber das Haus ist doch noch bewohnt, oder?"


Hanna erreichte das Haus gegen Abend. Viel blieb ihr nicht zu tun. Sie richtete sich kurz in einem Zimmer im ersten Stockwerk des Hauses ein, ging einmal kurz um das Haus, nahm eine Dusche und beschloss, bald zu Bett zu gehen.

In dieser Nacht fiel es ihr schwer, zu schlafen. Das Haus schien gekennzeichnet von einer eigenartigen Form der Stille. Nicht die Stille, die normalerweise abgelegenere Orte kennzeichnet. Nicht die Stille eines alten, verlassenen Hauses. Es war mehr ein Übermaß an Stille. Kein Knarzen des Hauses, kein Rütteln des Windes an den Fenstern. Es erschien ihr mehr, als hielte das Haus und die Umgebung den Atem an. Als würde der Ort warten.

Der Morgen kam, und Hanna stand aus ihrem Bett auf. Müdigkeit hing ihr bleiern in den Knochen Sie zog sich an, richtete ihr Haar, betrachtete sich im Spiegel, dann verließ sie ihr Zimmer, um im Erdgeschoss in der Küche ihr Frühstück herzurichten. Am Beginn der Treppen nach unten, warf sie einen flüchtigen Blick in Richtung der Tür, die zu einem Raum neben dem führte, in dem sie Quartier genommen hatte. Es erschien ihr eigenartig, dass sie bisher scheinbar kaum Notiz von der Tür und dem dahinter befindlichen Raum genommen hatte. Hanna nahm sich vor, das Zimmer im Laufe des Tages zu erkunden.

Als sie im Erdgeschoss angekommen war und von der Treppe in Richtung Küche gelaufen war, erschrak Hanna. Auf dem Küchentisch standen Teller und Tassen und Schalen, Servietten, ordentlich und penibel gefaltet, gedeckt für zwei. In der Mitte des Küchentischs stand eine große, weiße Vase mit frischen Blumen. Aber keine fröhlichen, bunten Blumen oder frisch gepflückte Wildblumen, nein, in der Vase stand ein Strauß weißer Lilien. Ernst und streng wirkten sie, so unpassend. Der ganze Raum erschien in blasses Licht getaucht und der Geruch der Lilien drang betäubend in Hannas Nase.
Sie verlor die Fassung, rannte aus der Küche, stieg in ihr Auto und fuhr schnellstmöglich in den Ort. Dort verbrachte sie einige Stunden mit einem Spaziergang, nahm ein kleines Mittagessen in einem Gasthaus zu sich und telefonierte mit einem Freund in Würzburg, solange, bis sich die junge Frau selbst überzeugt hatte, dass alles möglicherweise nicht so gewesen war, wie sie es gesehen hatte und sie vielleicht in der Hektik des gestrigen Abends aus Routine den Tisch selbst gedeckt hatte. Aber die weißen Lilien... Sie verdrängte den Gedanken.

Gegen Abend kehrte sie zurück in das Haus. Auch der Gedanke, dass für den morgigen Tag ohnehin ihre Abreise geplant war, half ihr, die Unruhe und Beklemmung zurückzudrängen, die ihr beim Eintreten in das in abendlichem Halbdunkel liegende Haus entgegen drangen. Sie dachte wieder an den Raum, der neben ihrem Schlafzimmer im ersten Stock lag. Nun würde sie diesen erkunden.
Zuerst zögernd, dann entschlossener stieg sie die Treppen wieder nach oben, ging nach links bis sie vor der Tür des Raumes stand.
Eine seltsame Abneigung überkam sie, ohne dass Hanna hätte sagen können, woher und welche Ursache diese hatte. Nach kurzer Zeit des Verharrens zwang sie sich, die Tür zu öffnen und betrat den Raum.
Dieser erschien ihr seltsam unberührt. Ein Bett, sauber gemacht. Die Vorhänge vor die Fenster gezogen. An der linken Wand des Raumes, gegenüber des Betts stand ein Kleiderschrank, halbgeöffnet - Nur ein ein paar Kleiderbügel darin, leicht schwingend, als hätte soeben jemand den Raum verlassen.
Sie schloss die Tür und verließ den Raum. Frösteln überkam sie. Um sie herum nur wieder das Haus in seiner sonderbaren Stille.


In der Nacht erwachte Hanna von Geräuschen, wie von knarrenden Dielen. Einen Moment lag sie still da, lauschte. Wieder das Knarren, gefolgt von einem Geräusch, als würde ein Stuhl verrückt. Es schien ihr, als wollte ihr das Blut in den Adern gefrieren: Schritte. Schritte im Nebenzimmer.
Unbeweglich lag sie in ihrem Bett, lauschte in das nächtliche Haus hinein. Stille. Dann wieder die Schritte. Vorsichtig. Fast behutsam. Eine Tür knarrte, es war die Tür des Nebenzimmers...
Hannas Herz klopfte wie wild. Die Schritte bewegten sich in Richtung ihres Zimmers, gemessen, vorsichtig, als wollte etwas sie nicht wecken. Vor der Türe blieben sie stehen. Ein kurzer Moment Ruhe, bevor sich, prüfend und tastend, die Türklinke der Zimmertüre bewegte. Einmal, zweimal. Noch ein drittes Mal...
Hanna, ergriffen von einer Mischung aus Schrecken und Wut, sprang aus ihrem Bett und rannte zur Türe ihres Zimmers und riss diese auf. Sie wollte nun wissen, wer oder was es war, das in diesem Haus war...!

Nichts. Der Gang war leer. Keine Spur von irgendjemandem. Nur wieder das lauschende, wartende Schweigen des Hauses.

Hanna verließ das Haus noch in dieser Stunde und kam nie zurück. Auch hat sie es nie verkauft. Es stand weiter dort, zwischen den Weinbergen, während es langsam verfiel.

Hanna lebte weiter ihr Leben wie es eben war. Und manchmal war sie kurz davor, das Haus und ihre Erlebnisse dort zu vergessen. Jedoch, immer dann, wenn all das dabei war, aus ihrem Gedächtnis zu entschwinden, hatte sie einen Traum: Sie stand in einem altmodischen Zimmer, getaucht in blasses Licht. Auf dem Tisch eine Vase weißer Lilien. Und die Szenerie gehüllt in ein gespenstisches Schweigen.

 

 

- Anfauglith (u. Kompagnon)

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