Die folgende Geschichte ist in Gemeinschaftsarbeit mit einer weiteren Person spontan entstanden. Wir haben uns einen Tag damit die Zeit vertrieben, verschiedene Plots für Gespenstergeschichten auszudenken. Ich fand diese dann doch zumindest so gelungen, dass ich sie gerne teilen wollte. Mein Partner in Ghosts hat hierzu seine Einwilligung gegeben, weshalb ich nun eine oder vielleicht auch mehrere dieser Geschichten Schritt für Schritt hier teilen werde.
Weiße Lilien
Im Jahre 1978
erbte Hanna M., eine Frau in ihren Zwanzigern, die in Würzburg
lebte, ein kleines Haus in einem ruhigen, beschaulichen Ort am Main.
Das Haus hatte ihrem Onkel gehört, den sie nie kennengelernt hatte.
Hannas Mutter, deren Bruder er war, hatte sich bereits früh von ihm
entfremdet und besagter Onkel hatte ohne Kontakte auch zum restlichen
Teil der Familie gelebt.
Das Haus, das im 19. Jahrhundert gebaut
worden war, lag etwas abseits des Ortes, fast versteckt an einem Hang
mit Weinbergen, den Main überblickend. Auf den Ersten Blick wirkte
es unscheinbar. Hohe Fenster mit verstaubten Scheiben, eine kleine
Straße die zum Haus führte.
Hanna hatte, als sie vom Erbe erfuhr
und durch den Erbverwalter alle Details mitgeteilt bekommen hatte,
keinen Augenblick daran gedacht, selbst in das Haus zu ziehen. Viel
zu abseits gelegen war ihr der Ort. Auch hätte sie im Hinblick auf
ihre Berufstätigkeit in Würzburg täglich ein beachtliche Strecke
mit dem Auto fahren müssen. So stand der Entschluss, das Haus zu
verkaufen, schon während des Gesprächs mit dem
Testamentsvollstrecker für sie fest.
Dennoch wollte Hanna selbst
in den Ort fahren, um sich ein Bild vom Haus und der Umgebung zu
machen, einige Fotos des Hauses zu schießen und schließlich alles
einem Makler anvertrauen.
Es war ein Wochenende im September,
als Hanna sich auf den Weg in den kleinen Ort machte. Da sie den Weg
nicht genau kannte, fragte sie beim Einkaufen einiger Notwendigkeiten
für die nächsten Tage im Dorfladen den Ladenbesitzer nach dem Weg.
Dieser gab ihr die Notwendige Auskunft, erschien der jungen Frau
jedoch ausweichend bei weiteren Fragen zum Haus. Die Leute aus dem
Ort würden just die Ecke, in der das Haus stünde, nicht oft
aufsuchen. Es gäbe dort nichts großartiges. Außerdem sei der Platz
auf eine seltsame Weise still.
Hanna runzelte die Stirn und fragte
nach, was der Ladenbesitzer denn damit meine. Dieser stammelte ein
wenig herum, bevor er rätselhaft erwiderte: "Nun, es gibt eben
still und still. Es gibt eine gute Stille, in der man nach getaner
Arbeit zur Ruhe findet. Und es gibt eine Stille, die etwas
Beklemmendes oder Unnatürliches an sich hat." Anschließend
fügte er noch eine Frage hinzu: "Sagen Sie, aber das Haus ist
doch noch bewohnt, oder?"
Hanna erreichte das Haus
gegen Abend. Viel blieb ihr nicht zu tun. Sie richtete sich kurz in
einem Zimmer im ersten Stockwerk des Hauses ein, ging einmal kurz um
das Haus, nahm eine Dusche und beschloss, bald zu Bett zu gehen.
In
dieser Nacht fiel es ihr schwer, zu schlafen. Das Haus schien
gekennzeichnet von einer eigenartigen Form der Stille. Nicht die
Stille, die normalerweise abgelegenere Orte kennzeichnet. Nicht die
Stille eines alten, verlassenen Hauses. Es war mehr ein Übermaß an
Stille. Kein Knarzen des Hauses, kein Rütteln des Windes an den
Fenstern. Es erschien ihr mehr, als hielte das Haus und die Umgebung
den Atem an. Als würde der Ort warten.
Der Morgen kam, und
Hanna stand aus ihrem Bett auf. Müdigkeit hing ihr bleiern in den
Knochen Sie zog sich an, richtete ihr Haar, betrachtete sich im
Spiegel, dann verließ sie ihr Zimmer, um im Erdgeschoss in der Küche
ihr Frühstück herzurichten. Am Beginn der Treppen nach unten, warf
sie einen flüchtigen Blick in Richtung der Tür, die zu einem Raum
neben dem führte, in dem sie Quartier genommen hatte. Es erschien
ihr eigenartig, dass sie bisher scheinbar kaum Notiz von der Tür und
dem dahinter befindlichen Raum genommen hatte. Hanna nahm sich vor,
das Zimmer im Laufe des Tages zu erkunden.
Als sie im
Erdgeschoss angekommen war und von der Treppe in Richtung Küche
gelaufen war, erschrak Hanna. Auf dem Küchentisch standen Teller und
Tassen und Schalen, Servietten, ordentlich und penibel gefaltet,
gedeckt für zwei. In der Mitte des Küchentischs stand eine große,
weiße Vase mit frischen Blumen. Aber keine fröhlichen, bunten
Blumen oder frisch gepflückte Wildblumen, nein, in der Vase stand
ein Strauß weißer Lilien. Ernst und streng wirkten sie, so
unpassend. Der ganze Raum erschien in blasses Licht getaucht und der
Geruch der Lilien drang betäubend in Hannas Nase.
Sie verlor die
Fassung, rannte aus der Küche, stieg in ihr Auto und fuhr
schnellstmöglich in den Ort. Dort verbrachte sie einige Stunden mit
einem Spaziergang, nahm ein kleines Mittagessen in einem Gasthaus zu
sich und telefonierte mit einem Freund in Würzburg, solange, bis
sich die junge Frau selbst überzeugt hatte, dass alles
möglicherweise nicht so gewesen war, wie sie es gesehen hatte und
sie vielleicht in der Hektik des gestrigen Abends aus Routine den
Tisch selbst gedeckt hatte. Aber die weißen Lilien... Sie verdrängte
den Gedanken.
Gegen Abend kehrte sie zurück in das Haus. Auch
der Gedanke, dass für den morgigen Tag ohnehin ihre Abreise geplant
war, half ihr, die Unruhe und Beklemmung zurückzudrängen, die ihr
beim Eintreten in das in abendlichem Halbdunkel liegende Haus
entgegen drangen. Sie dachte wieder an den Raum, der neben ihrem
Schlafzimmer im ersten Stock lag. Nun würde sie diesen erkunden.
Zuerst zögernd, dann entschlossener stieg sie die Treppen wieder
nach oben, ging nach links bis sie vor der Tür des Raumes
stand.
Eine seltsame Abneigung überkam sie, ohne dass Hanna hätte
sagen können, woher und welche Ursache diese hatte. Nach kurzer Zeit
des Verharrens zwang sie sich, die Tür zu öffnen und betrat den
Raum.
Dieser erschien ihr seltsam unberührt. Ein Bett, sauber
gemacht. Die Vorhänge vor die Fenster gezogen. An der linken Wand
des Raumes, gegenüber des Betts stand ein Kleiderschrank,
halbgeöffnet - Nur ein ein paar Kleiderbügel darin, leicht
schwingend, als hätte soeben jemand den Raum verlassen.
Sie
schloss die Tür und verließ den Raum. Frösteln überkam sie. Um
sie herum nur wieder das Haus in seiner sonderbaren Stille.
In der Nacht erwachte Hanna von
Geräuschen, wie von knarrenden Dielen. Einen Moment lag sie still
da, lauschte. Wieder das Knarren, gefolgt von einem Geräusch, als
würde ein Stuhl verrückt. Es schien ihr, als wollte ihr das Blut in
den Adern gefrieren: Schritte. Schritte im Nebenzimmer.
Unbeweglich
lag sie in ihrem Bett, lauschte in das nächtliche Haus hinein.
Stille. Dann wieder die Schritte. Vorsichtig. Fast behutsam. Eine Tür
knarrte, es war die Tür des Nebenzimmers...
Hannas Herz klopfte
wie wild. Die Schritte bewegten sich in Richtung ihres Zimmers,
gemessen, vorsichtig, als wollte etwas sie nicht wecken. Vor der Türe
blieben sie stehen. Ein kurzer Moment Ruhe, bevor sich, prüfend und
tastend, die Türklinke der Zimmertüre bewegte. Einmal, zweimal.
Noch ein drittes Mal...
Hanna, ergriffen von einer Mischung aus
Schrecken und Wut, sprang aus ihrem Bett und rannte zur Türe ihres
Zimmers und riss diese auf. Sie wollte nun wissen, wer oder was es
war, das in diesem Haus war...!
Nichts. Der Gang war leer.
Keine Spur von irgendjemandem. Nur wieder das lauschende, wartende
Schweigen des Hauses.
Hanna verließ das Haus noch in dieser
Stunde und kam nie zurück. Auch hat sie es nie verkauft. Es stand
weiter dort, zwischen den Weinbergen, während es langsam
verfiel.
Hanna lebte weiter ihr Leben wie es eben war. Und
manchmal war sie kurz davor, das Haus und ihre Erlebnisse dort zu
vergessen. Jedoch, immer dann, wenn all das dabei war, aus ihrem
Gedächtnis zu entschwinden, hatte sie einen Traum: Sie stand in
einem altmodischen Zimmer, getaucht in blasses Licht. Auf dem Tisch
eine Vase weißer Lilien. Und die Szenerie gehüllt in ein
gespenstisches Schweigen.
- Anfauglith (u. Kompagnon)
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