Niemand weiß genau, wann sie gebaut wurde.
Die Stadt der Insektenmenschen liegt unter einem einfarbigen Einweghimmel. Die Stadt und ihre Gebäude sind praktische Wegwerfartikel in eintönigen Farben. Die Sonne darüber ist aus Styropor. Fällt Regen über der Stadt, zerfallen die würfelförmigen Gebäude, um in kürzester Zeit neu erbaut zu werden. Macht nichts, sagen die Insektenmenschen, zucken mit der Schulter, und vergessen.
Die Insektenmenschen sind sehr gut im Vergessen. Wenn jemand stirbt, trauert man kurz, bis sich schließlich ein taubes Gefühl einstellt, als ob etwas gewesen sein könnte. Doch dann vergisst man und macht weiter, unter der Styroporsonne, zwischen den würfelförmigen Häusern, den endlosen Straßen, unter dem Einweghimmel.
Die Insektenmenschen lieben ihre Freiheit. Freiheit, das haben sie irgendwo gelernt, ist zu tun, was man will. Und was man will, das ist klar: fressen, fortpflanzen, noch mehr fressen, sich locken lassen von Duftstoffen und Pheromonen, und dann vergessen. Die Insektenmenschen fressen sich gegenseitig auf. Alles, was an irgendetwas erinnert. Ihre größte Lust ist, den Pheromonspuren und Duftwolken zu folgen. Sie denken in Farben und Zahlen. Die, die nicht in Zahlen und Farben denken wollten, wurden lange schon gefressen und zerrissen. Ihren Tod beweint niemand, nicht einmal der Regen.
Die Religion der Insektenmenschen ist einfach. Sie beten zu einem großen Bildschirm, der ihnen erklärt, sie hätten dies oder jenes geträumt. Der ihnen erklärt, sie hätten dies oder jenes gewollt. Und wer weiß, vielleicht hatten sie das auch. Wer weiß, sagen die Insektenmenschen, zucken mit der Schulter und fressen und pflanzen sich fort.
Die Insektenmenschen sind viele. Und es werden ständig mehr. So viele, dass es kaum stört, wenn manche zerquetscht werden - vom Einweghimmel, von Bleischuhen, oder von der Last schwerer Träume.
- Anfauglith
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.